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Randnotiz 1

Die Kuriosität im Arbeitsalltag einer kreativen Selbstständigen liegt darin, dass man den ganzen Tag arbeitet und abends trotzdem das Gefühl hat, nichts geschafft zu haben. Man geht unzufrieden nach Hause und beschließt morgen wirklich konzentriert zu arbeiten. Und wieder, abends – gefühlt nichts.

Früher war das doch nicht so! Zu Unizeiten konnte ich ganz konzentriert von vorne bis hinten durcharbeiten. Abends, mit einem Glücksgefühl im Bauch, der Werkstatt den Rücken zukehren, nachdem ich den fertigen Entwurf auf die Puppe gezogen hatte.

Jersey Blazer Nusum ss15

Selbstständig mit eigenem Label kommt immer irgendwas dazwischen: eine Mail, ein Anruf, die Steuererklärung, die Aktualisierung der Website, ein Kundentermin…

Meine erste Reaktion: So viel und so lange zu arbeiten, wie es irgend geht. Morgens. Abends. Sonntags. Immer.

Hier die Kollektion, dort ich und dazwischen ein Haufen an Dingen, die auch noch getan werden wollten. Und Abends? Kein fertiger Entwurf auf der Puppe.
Bauchgefühl: Ich habe heute mal wieder nichts geschafft.

Wie kann das sein? Ich war doch den ganzen Tag im Atelier, habe gearbeitet, aber der Entwurf ist immer noch nicht fertig. Wie konnte ich so viel Zeit verlieren? Ehrlich gesagt: keinen blassen Schimmer. Ein konzentriertes „an der Kollektion arbeiten“ gab es einfach nicht.

Schnitteile_Jersey_blazer_ss15

Meine zweite Reaktion: Alles aufschreiben und nach Erledigung durchstreichen.

Und abends? Unglaublich viele Striche in meiner To-Do-Liste aber kein fertiges Teil.
Bauchgefühl: eher mäßig.

…Und langsam begann ich zu verstehen…

Wir alle bewerten unsere Arbeit danach, ob am Ende eines Arbeitstages etwas Greifbares vorliegt. Auch als Kreative können wir uns dieser Vorstellung oft nicht entziehen. Sei es ein Kleid, eine Illustration, ein Schnittteil, eine Grafik – kein greifbares Ergebnis bedeutet: Man ist nicht fertig geworden. Denn am Ende eines kreativen Prozesses soll es schließlich etwas geben, das es vorher nicht gab. Das ist es, was glücklich macht. Das ist es, wofür man arbeitet. Das ist es, was uns sagt: „Großartig, es ist fertig, du kannst jetzt aufhören!“

Dinge wie Telefonieren, Emails beantworten, Stoffe bestellen, mit Kunden sprechen kann man nicht anfassen und auch nicht auf eine Puppe ziehen.

Aber da sie als „Strich“ in meinem Kalender sichtbar sind, sind sie auch zu getaner Arbeit zu zählen.

Für die meisten von Euch mag das komisch klingen – aber ich musste das erst einmal lernen. Und es fällt mir heute noch schwer. Manchmal sehe ich Tessa auch dieses „So viel gemacht, aber nichts geschafft“ an. Dann zähle ich ihr auf, was sie alles gemacht hat. Was sie alles geschafft hat. Bei anderen fällt es einem immer leichter.

Und auch, wenn ich heute einen Kalender mit einer extra Seite pro Woche besitze, auf der ich alles durchstreichen kann, was ich erledigt habe, bin ich immer noch am glücklichsten, wenn ich abends das Atelier verlasse und weiß, das dort ein neuer Entwurf auf der Puppe hängt, dass das großartig ist, und dass ich für heute fertig bin.

Entwurf_blazer_ss15

– Lotta

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